Das Insektensterben – Die Natur steht immer noch im Weg

von Elisabeth Kiderlen, Bezirksverordnete

Wie schnell wurde die Windschutzscheibe damals dreckig! Wer vor 20/30 Jahren mit dem Auto von Berlin nach Frankfurt am Main fuhr, kann sich erinnern: Wie oft mussten wir an einer Raststätte halten, um tote Viecher vom Fenster zu kratzen. Und was für Schwärme von Insekten tanzten um die Straßenlaternen, wenn abends das Licht anging!

Falter wie Schmetterlinge sind selten geworden, auch Hornissen, Hummeln, Bienen, Wespen, Fliegen, sogar Mücken. Hielt man bislang mit heftigem Umsichschlagen möglichst alles fern, was fliegt, brummt und sticht, so beschleicht uns heute Unruhe, weil man die Tierchen immer weniger sieht. Und was ist mit den Vögeln, den Fledermäusen, den Fröschen? Und überhaupt, waren nicht in diesem Sommer weniger Mauersegler gekommen als sonst? Oder ist das nur wieder GRÜNE Panikmache? Seit längerem empfinden viele Menschen diese Bangigkeit: Passiert da nicht was?

Jetzt gibt es erstmals eine Langzeitstudie, die Furore macht, weil sie diese Wahrnehmung bestätigt. Ehrenamtliche Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld haben 27 Jahre lang in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg Fallen aufgestellt und die Masse der eingefangenen Tiere gewogen. Das Ergebnis, das nun veröffentlicht wurde: Seit 1989 ist die Insektenmasse in Deutschland um 76 Prozent zurückgegangen.

Ehrenamtliche sind doch keine Wissenschaftler*innen, werfen Kritiker der Studie vor, um ihre Bedeutung zu schmälern. Doch: „Die Arbeit ist methodisch sauber, die Hoffnung, dass es sich bei dem Ergebnis  um einen methodischen Fehler handeln könnte, hat sich leider nicht bewahrheitet.“ Das muss nicht nur der Zoologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim zugestehen. Die Studie wird von den meisten Wissenschaftler*innen als seriös angenommen.

Es passiert also etwas. Man muss nur die Zahlen auf der Wissenschaftsseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.10.2017 miteinander in Verbindung bringen: 80 Prozent der Wildpflanzen sind abhängig von Insektenbestäubung; 60 Prozent der Vögel ernähren sich von Insekten und die Insektenmasse ist um 76 Prozent weniger geworden. Noch eine Zahl: Die Menge der Vögel ist in Deutschland um 15 Prozent zurückgegangen.

Über die Ursachen ist sich die Wissenschaft noch nicht im Klaren. Eine Rolle wird die Intensivierung der Landwirtschaft spielen, die Monokulturen mit hohem Einsatz von Dünger und Pestiziden und die Abgase von Autos und Fabriken. Unmengen von Stickstoffverbindungen gelangen auf diese Weise in die Luft und im Regen wieder in die Böden. Das könnte erklären, warum das Insektensterben kein lokales, sondern ein flächendeckendes Phänomen ist,  grenzüberschreitend, und warum es sich auch nicht auf bestimmte Insektenarten beschränkt.

Dave Goulsay von der britischen Sussex University schreibt: „Insekten machen etwas zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens. Bei dem derzeitig eingeschlagenen Weg werden unsere Enkel eine hochgradig verarmte Welt erleben.“

Wie kann also die Bezirkspolitik mit diesem unheimlichen Problem umgehen? Kann sie das überhaupt? Die Möglichkeiten sind tatsächlich begrenzt. Der Einsatz von Glyphosat als unkrautvernichtendes, aber auch insektentötendes Gift ist in Tempelhof-Schöneberg verboten. Dass städtische Plätze und Friedhöfe mit insektenfreundlichen Stauden, Sträuchern und Blumenwiesen bepflanzt werden, fordern die Grünen seit längerem und wissen sich da im Grundsatz mit dem Gartenamt einig. Denn die beliebten großblättrigen Zierblumen wie etwa Begonien und Petunien liefern Insekten keine Nahrung, da ihre Staubgefäße längst zu Blütenblättern umgezüchtet wurden. Sie produzieren weder Nektar noch Pollen, die Insekten finden keine Nahrung. Dass das Mähen von Wiesen und das Zurückschneiden von Straßenbegleitgrün auf städtischem Grund auf ein insektenfreundliches Niveau reduziert werden soll, ist keine neue Forderung. Und dass grell leuchtende Laternen auf Parkwegen für Insekten zur tödlichen Falle werden können, ist bekannt.

Warum müssen dieselben Forderungen dann immer wieder neu erhoben werden? Die Antwort lässt sich auf eine kurze Formel bringen: Die Natur steht den Menschen sogar in der Stadt immer noch im Wege. Es ist so einfach: Wenn es dunkel wird, rufen wir nach Licht, möglichst nach sehr hellem Licht.

Und es stimmt ja, die Bezirke können nur kleine, aber trotzdem wichtige Maßnahmen ergreifen. Wirkliche Verbesserungen gibt es nur durch das Zusammenspiel von lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Und auch da gilt: Für zwei Schritte voran, geht es einen zurück. Nur dass das nicht auch für die Seite der Probleme gilt. Dort gilt das Prinzip des exponentiellen Wachstums: Je größer die Schwierigkeiten, desto schneller wachsen sie weiter.

 

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